Missbrauch

Zurück

 

                                                                                                                

 

Bis zum 25.Dezember 2001 wußte ich nicht weshalb ich mich verletze, wieso ich schon seit meiner Kindheit solch eine Todessehnsucht habe.
Doch dann kam die Stunde der Erinnerung.
Ich hatte tatsächlich , dass was mir als kleines Kind angetan wurde , total aus meinem Gedächtnis gelöscht.
Jahrelang habe ich überlegt was der Grund für mein selbstverletzendes Verhalten, für meine Depressionen sein könnte, doch ich fand ihn nicht.
Dann prasselten am besagten Tag plötzlich wie ein Flash  Bilder auf mich ein.  Nur ein paar Sekunden und es war vorbei. Ich war völlig verwirrt, bekam Panik,
zitterte am ganzen Körper und konnte mich eine Stunde lang nicht von der Stelle
bewegen .Ich konnte nur weinen .
Ich sah nur kurz meinen Onkel, wie er in einer Tür stand, sah sein Ehebett , einen großen braunen Flecken darin, konnte den Geruch von damals wahrnehmen und
fühlte mich wieder wie ein kleines ängstliches Kind.
Ich wußte erst gar nicht wirklich  was es zu  bedeuten hat. Doch dann war es mir klar. Er hat mich mißbraucht. Ich kannte keine Einzelheiten, doch ich wußte
plötzlich es war wahr .Er hat mich als kleines Kind mißbraucht. Ich war 5 Jahre alt.
Es war so unwirklich, konnte es mir nicht vorstellen . Grade er. Der Mann meiner Lieblingstante .
Als ich mit meiner Psychologin darüber sprach , sagte sie , dass sie es schon immer vermutete, aber wollte das ich selbst die Erinnerung daran finde.
Ich war sehr aufgewühlt die ganze Zeit und sprach nur mit meiner Freundin darüber. Meiner Familie sagte ich nichts davon. Meinen  Onkel hatte ich auch schon viele
Jahre nicht gesehen, nur mal flüchtig in der Stadt.
Doch meine Mutter feierte Ende Januar 2002 ihren 60.Geburtstag und da war auch ER eingeladen. Als sie mir sagte wer alles kommen würde , bekam ich Panik als
sie seinen Namen nannte.
Ich sprach lange mit meiner Psychologin darüber und die riet mir auf jeden fall jemanden aus meiner Familie davon zu erzählen, wenn ich zu der Feier gehen wollte.
Keinesfalls sollte ich ohne Unterstützung mich dieser Situation aussetzen. Sie war sehr besorgt, da sie ja auch weiß wie ich mit schwierigen Situationen umgehe .Ich
wollte  auf jeden fall zur Feier .Ich wollte IHN wiedersehen .Wollte wissen ob irgendeine neue Erinnerung hochkommt .Wollte eine Bestätigung .Ich zweifelte ja so
sehr an diesen winzigen Erinnerungsfetzen die ich hatte. Dachte es kann doch nicht sein, das mir so etwas passiert ist. Redete mir selbst ein das es alles nur
Einbildung war. Auf anraten meiner Psychologin und meiner Freundin , redete ich dann mit meinem Bruder und dessen Frau darüber. Meinen Eltern wollte ich es
keinesfalls sagen. Wollte meiner Mama auch nicht ihren Geburtstag verderben. Außerdem hatte sie genug Probleme. Im Jahr zuvor verlor sie ihren Bruder (genau an
dem Tag wo meine Erinnerungen kamen) und eine ihrer Schwestern.
Ich hatte Angst vor der Reaktion meines Bruders und seiner Frau, aber es war ein sehr gutes Gespräch und sie glaubten mir sofort und versprachen , für mich dazu
sein. Mich auch am Geburtstag meiner Mutter keinen Moment aus den Augen zu lassen.
Dann kam die Feier. Weil meine Eltern ja nichts davon wußten und ich zur Höflichkeit erzogen wurde, gab ich IHM sogar zur Begrüßung die Hand, was mir sehr
schwer viel. Als ich das erstemal sein Lachen hörte durchzuckte es meinen Körper und bekam Panik. Aber meine Schwägerin bekam es mit und legte mir
beruhigend die Hand auf den Schoß und ich wurde wieder etwas ruhiger.
Später, als ich mal zu ihm schaut bemerkte ich das er mich beobachtete mit einem merkwürdigen Blick, dann wandte er sich wieder ab und lachte den anderen zu.
Als meine Bruder sich auf den Heimweg machen wollte, konnte ich gar nicht schnell genug hinter her gehen solch eine Angst umschlang mich .
Ein paar Tage später bekam ich endlich den Termin für die psychosomatische Klinik .
Nur noch wenige Tage dann war es soweit.
Die Zweifel über das was ich sah brachten mich noch fast um den Verstand.  Immer wieder redete ich mir ein, daß es alles nur eine Täuschung war, es doch nicht
wahr sei, aber ich hatte auch die Gewißheit tief in mir, das es doch wahr ist.
Mir war es wichtig auch den Rest meiner Familie einzuweihen, bevor es in die Klinik ging . Mein anderer Bruder und dessen Frau glaubten mir auch sofort, obwohl
er sich auch nicht vorstellen konnte, das mein Onkel zu sowas  fähig sei. Anderseits wußte er noch wie er früher war und meinte es glaubt mir , aber es sei trotzdem
schwer begreiflich für ihn.
Meine Eltern waren total fassungslos. Mein Vater glaubte mir nicht und hörte auch nicht wirklich zu, meine Mutter wußte gar nicht was sie sagen sollt. Der Bruder
ihrer Schwester sollte mir so etwas angetan haben?
Aber das hätte sie doch gemerkt. Sie sprang immer hin und her zwischen glauben und abstreiten. Sie meinte die paar Bilder die ich gesehen hätte, wären doch kein
Beweis dafür, das hab ich mir sicher nur eingebildet. Wann hätte das auch sein sollen, ich hab höchstens einmal dort übernachtet. Ihr größte Sorge war es , dass ihre
Schwester davon etwas mitbekommen und nicht eingegriffen hat.  Es war ziemlich hart, daß meine Eltern mir nicht glaubten . Aber wie konnte ich es ihnen verübeln,
ich selbst glaubte es mir ja nicht wirklich.
In der Klinik ging es mir immer schlechter, je mehr ich an mir arbeitete. Es wurde unerträglich. Ich bekam Magenschmerzen , Schindel, Panikattacken. Nach 8
Wochen brach ich den Aufenthalt dort ab .Ich spürte das Erinnerungen hochkommen wollte, doch ich hatte so Angst davor und verdrängte alles, da ich mich nicht
bereit dafür fühlte.
Es vergingen 2Monate und ich war bereit, doch es geschah nichts. Ich beschloß mich hypnotisieren zu lassen um meiner Kindheit und dem was war endlich auf die
Spur zu kommen.
3 Sitzungen hatte ich. Es war wirklich erstaunlich und einfach unbeschreiblich. Ich hatte Glück an so eine gute Heilpraktikerin zu kommen. Sie hat das wirklich toll
gemacht.
Ganz langsam führte sie mich heran. Wobei es ja so ist, das man selbst nur das von sich preis gibt, was man bereits ist zu zeigen/hochkommen zu lassen.
Ich weiß immer noch nicht alles was damals geschehen ist.
Ich weiß das es auf jeden fall 2 mal passierte. Einmal am Tag und einmal in der Nacht. In der Nacht lag sogar meine Tante mit im Bett. Sie lag mit dem Rücken zu
uns und schien zu schlafen. Als es am hellichten Tag passierte, sperrte er mich anschließend in den Keller ein. Daher wohl auch die Angst als Kind wenn ich mal in
den Keller mußte.
Während der Hypnose konnte ich ihn richtig auf mir spüren, er war so wahnsinnig schwer und ich bekam kaum Luft, dachte ich muß ersticken , meine Brust
schmerzte und ich weinte. Ich wurde , als es zu schlimm wurde, sofort aus der Situation rausgeholt.
Meine Mutter die weiterhin immer daran zweifelte wollte Beweise. Irgend etwas . Die konnte ich ihr dann nach der Hypnose geben. Denn ich konnte das
Schlafzimmer und den Keller in allen Einzelheiten beschreiben. Sie war schockiert. Dennoch war sie immer noch hin und her gerissen .
Sie hätte es doch gemerkt.
Ich wäre überhaupt nicht auffällig gewesen.
Doch je mehr wir über früher redeten , desto klarer wurde es. Denn mit 5 Jahren habe ich mich sehr wohl verändert. Aber sie dachte halt es wäre normal.
Im Laufe der Zeit erfuhr ich immer mehr über meinen Onkel.
Meine Mutter meinte sie konnte ihn nie leiden.
Mein Onkel war früher Alkoholiker, hat seinen Sohn psychisch mißhandelt .Ab und zu wohl auch körperlich. Aber das wollte meine Mutter nicht richtig zugeben. So
was passiert schließlich nur in anderen Familien!
Niemand hat damals meinem Cousin geholfen. Oft ließ mein Onkel ihn nicht in die Wohnung so das er nachts draußen schlafen mußte, wenn er meine Oma nicht
erreichte .Sie wußten alle Bescheid.
Als ich sie darauf ansprach sagte sie nur, er war ja größten teils bei meiner Oma, da ging es ihm doch gut. Es ist schon als  3 jähriger immer wieder von zu Hause
weggelaufen. Doch das erste mal sind sie eingeschritten als mein Onkel meinen Cousin in ihrem Beisein verprügeln wollte. Mein Cousin war da  bereits 19 Jahre
alt.19 Jahre hat keiner was getan.
Mein Cousin hat bereits mit 14 Jahren schon viel Alkohol getrunken. An den Folgen seiner Alkoholsucht ist er mit 20 Jahren verstorben.
Ich war damals 8 Jahre alt. Ich habe ihn so sehr geliebt, war er es doch der immer über meine selbst ausgedachten Witze lachte, der mit mir rumgetobt, gealbert hat
und mich ernst nahm .Ich durfte nicht mit zur  Beerdigung , da meine Eltern entschieden ich sei zu klein.
Ich habe nie geahnt was er erleiden mußte, ich war damals auch viel zu klein dafür. Er fehlt mir heute noch sehr.
Wenn ich heute darüber nachdenke, so denke ich das es vielleicht sogar Selbstmord war. Denn nur wenige Wochen bevor er starb, sagte er mir, dass  wenn ihm
was passieren sollte , ich die Platte mit unserem Lieblingslied " Großer Jack" bekomme. Ich bekam sie nicht, denn mein Onkel meinte ich sei viel zu klein um eine
Schallplatte zu besitzen , ich hätte ja sowieso keinen Plattenspieler . Das machte mich so traurig. Ich war zu klein um ihn im Krankenhaus zu besuchen, zu klein um
zur Beerdigung zu gehen und um ein Andenken zu erhalten war ich auch zu klein. Aber ich war nicht zu klein um meine Erinnerungen an ihn ganz tief in meinen Herzen
zu behalten. Niemals werde ich den Tag vergessen wo ich auf seinem Schoß saß und ihm zu x-ten mal den blöden Witz von meinem Elefanten der über die rote
Ampel ging zu erzählen und er lachte immer wieder und sagte, erzähl doch noch mal deinen Witz und lächelte mich liebevoll an und stubste meine Nase.
Ralf ich vermisse Dich so sehr.

Ich muß schon damals gewußt haben , daß mir niemand helfen wird. Denn bei Ralf haben sie ja auch weggeschaut .
Noch heute hat meine Mutter immer wieder Zweifel.
Sie trifft sich weiterhin mit ihrer Schwester und meinem Onkel. Sie meint zwar sie könne gar nicht mehr richtig mit ihm reden und blablabla.
Ich fühle mich irgendwie verraten von meinen Eltern.
Ich könnte jedenfalls keinen Kontakt zu dem Mann haben , der mein Kind mißbraucht hat .Ich wüßte nicht was ich demjenigen antun würde. Meine Eltern sagen
immer wieder, es ist doch schon so lange her und ich soll es endlich vergessen. Klar ist es lange her , doch meine Erinnerungen daran sind ja relativ neu.
Ich möchte meinen Onkel mit der Vergangenheit konfrontieren, doch im Moment fühle ich mich nicht stark genug dazu. Einen Brief an ihn habe ich schon vor langer
Zeit  geschrieben, aber er liegt immer noch hier bei mir in der Wohnung .Ich hoffe das ich bald die Kraft habe ihn abzuschicken. Vielleicht hilft es mir, die ganze
Sache besser zu verarbeiten.
Aber das ganze wird wohl noch dauern.
Erst vor 4 Tagen sah ich meinen Onkel als ich vom Einkaufsladen grad aus dem Auto steigen wollte.Er fuhr mit dem Fahrrad auf dem Parkplatz entlang. Ich wußte
gar nicht was ich machen sollte.Ich drehte mich direkt zur Autotür und beobachtete ihn aus dem Augenwinkel ob er ebenfalls einkaufen wollte oder doch vorbei
fuhr.Ich wäre sonst sofort gefahren. Glücklicherweise fuhr er vorbei. Ich war total durcheinander und mir war so nach weinen zu Mute. Gott was wenn er mich
gesehen hätte und auf mich zugekommen wäre? Wie hätte ich mich denn nur verhalten sollen?. Ich bin zur Höflichkeit erzogen, aber IHN begrüßen , womöglich die
Hand geben? Er ahnt ja nicht das ich meine Erinnerung wieder habe. Ich war einfach nur fertig und habe natürlich zig Sachen vergessen einzukaufen. Ich fühle mich
schlecht, weil ich dem so hilflos gegenüber stehe und nicht weiß wie ich mich verhalten soll/ darf. Am liebsten hätte ich ihn von seinem Fahrrad geschubst und
verprügelt . Es ging mir so viel durch den Kopf und zum Schluß der Gedanke, sind meine Erinnerungen wirklich wahr? Immer wieder diese Zweifel obwohl ich doch
spüre das es Wirklichkeit ist. Zum Glück ist der Termin bei der neuen Psychologin nicht mehr so weit.



Gratis Homepage von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!