Mein selbstverletzendes Verhalten

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SVV , für Aussenstehende meist unbegreiflich.
Sie können und einige wollen es zum Teil nicht verstehen,
SVV'ler werden häufig als unnormal, verrückt und krank bezeichnet, weil es leider
immer noch ein Tabuthema ist ,welches totgeschwiegen wird, um sich nicht damit
auseinander setzen zu müssen.
Deshalb sind die meisten die sich selbst verletzen gute Lügner geworden, perfekt im
Ausreden erfinden.
.........das war meine Katze/Hund, ..........ein Sturz in die Glasscheibe
,............Stacheldrahtzaun usw.......
Auch wird oftmals unterstellt, man verletze sich nur um Aufmerksamkeit zu erlangen.
Doch so ist es nicht!!!
Auch nicht in meinem Fall.

Es begann alles ungefähr als ich 7 Jahre alt war.Vielleicht auch früher, aber das weiß
ich nicht mehr so genau..
Damals boxte ich mir immer wieder auf die selbe Stelle (Arme, Bauch , Gesicht ,
Kopf ) , kratzte mich oder schlug mit dem Kopf gegen die Wand . Schon damals
wußte ich keinen anderen Ausweg mit meiner Verzweiflung, den für mich
undefinierbaren Gefühlen und  Wut umzugehen.
Es hat nie jemand etwas gemerkt. Wie denn auch, sind doch Blessuren an einem
Kind nichts ungewöhnliches und ich selbst habe immer geschwiegen.
Wenn es irgend jemanden mal auffiel ,so war ich eben hingefallen oder es war mein
Bruder.
Ich tat es damals noch sehr unregelmäßig.
In der Zeit vom 13.- 15. Lebensjahr hatte ich eine Pause. Zumindest kann ich mich
nicht erinnern, mich in dieser Zeit, großartig verletzt zu haben.
Danach fing es langsam wieder an.
Es waren noch recht große Abstände.
Meist bohrte ich meine Fingernägel tief in den Arm ( manchmal auch ins Gesicht ) ,
bis die Haut einriß .
Ich zerbeiße noch heute meine Innenseite des Mundes/Wange und genieße dann das
Gefühl des warmen Blutes im Mund.Den Geschmack des Blutes find eich aber eher
abstoßend.
Irgendwann reichten mir diese Arten der Verletzungen nicht mehr aus , um diesen
großen, kaum auszuhaltenden inneren Druck /Schmerz abzubauen . Um mit der
Wust an Gefühlen umzugehen . Mit 25 Jahren fing ich erst an mich mit einem Messer
zu verletzten. Dann  3 Jahre später mit einem Cutter und nun  sind es Rasierklingen
geworden. Besonders intensiv mit meinen Verletzungen wurde es ab 1999.
Anfangs schnitt ich mir hauptsächlich die Unterarme auf. Aber im Sommer ist es
schwierig , die Wunden zu verbergen.
Ich wurde von Kollegen darauf angesprochen und die Ausreden, ....die Katze ,
.....der Stacheldrahtzaun konnte ich ja nicht ständig verwenden.
So verlagerte ich die Verletzungen auf die Oberarme, Beine und Bauch . Aber am
schlimmsten sehen doch meine Unterarm aus. Es gibt kaum eine Stelle die keine
Narbe zeigt.
Hauptsächlich verletzte ich mich aber immer noch an den Unterarmen Auch jetzt im
Sommer. Kurze Shirts kann ich derzeit nicht tragen.
Zusammen sind es nun bereits 25 Jahre die ich mich verletze.
Meine Unterarme weisen kaum noch heile Haut auf.
Einige Narben verblassen , doch viele sind immer noch deutlich sichtbar und werden
es wohl auch ewig bleiben. Auch kommen immer wieder neue hinzu.
Ich will aufhören, habe den Willen, doch ich schaffe es einfach nicht.
Es ist so verdammt schwer .
In der Zeit von November 2000 bis Oktober 2002 war ich in psychologischer
Behandlung.
Die Gespräche mit der Psychologin waren sehr wichtig für mich. Es hat lange
gedauert , bis ich den Entschluß faßte zu einer Psychologin zu gehen, doch ich
bereue es nicht.
Natürlich hatte ich anfangs riesige Erwartungen, die niemals erfüllt werden
konnten....dachte ich doch , nun würde sich mein Leben schnell zum positiven
wenden , aber ich habe begriffen , daß es viiiiiiiiiiel Zeit benötigt .
Nur ich bin ein sehr ungeduldiger Mensch und meine Geduld wurde auf eine harte
Probe gestellt.
Ich habe in den vergangenen Jahren sehr viel über mich erfahren und bin sehr oft an
meine Grenzen gestoßen.
Fast täglich sind Selbstmordgedanken da, daran konnte selbst die Therapie  nichts
ändern.
Als ich im  Herbst 2001 einen großen Tiefpunkt hatte und Selbstmordabsichten zum
ersten mal deutlich in der Therapiestunde zur Sprache kamen, wollte meine
Therapeutin mich zwangseinweisen lassen . Ich konnte sie glücklicherweise davon
überzeuge es nicht zu tun.
Aber wir beschlossen das ein Klinikaufenthalt für mich dringend notwendig sei.
So stellte ich mich im November 2001 in einer psychosomatischen Klinik vor. Nun
hieß es warten bis ein Platz frei wird.
Das schlimmste was mich die ganzen Jahre bedrückte ,war das ich selbst nicht wußte
was mit mir los war. Wieso ich mich überhaupt verletzte.
Klar gab es ein paar Dinge innerhalb der Familie, die hätten besser laufen können,
aber all das war nicht wirklich ein Grund .
Erst am 1. Weihnachtstag 2001 sollte ich es erfahren.
Es war Mittag und seit einigen Wochen wurde ich von Tag zu Tag unruhiger. Eine
komische und unerklärliche Unruhe machte sich breit.
Plötzlich spukten Bilder in meinem Kopf. Ganz schnell und auch nur ein paar, sie
waren da und schon wieder weg .Ich fühlte mich in diesem Moment ganz klein, als
wäre ich wieder 5 Jahre alt und ich hatte wahnsinnige Angst. Ich zitterte am ganzen
Körper , weinte plötzlich bitterlich und war über eine Stunde nicht in der Lage mich
zu bewegen.
Ich wußte nicht was diese Bilder bedeuten sollten . Ich sah meinen Onkel, sein
Ehebett, mit einem widerlichen Flecken, ich lag im Bett und ich konnte diesen
Geruch von damals genau wahrnehmen. Was hat es nur zu bedeuten ?
Und plötzlich wußte ich es . Mein Onkel hat mich als Kind sexuell mißbraucht. Ich
kann es immer noch nicht glauben was da geschehen ist.
Wie konnte ich das all die Jahre aus meinem Gedächtnis verbannen?
Wie ist den nur so etwas möglich?
So schrecklich die Gewißheit auch ist, ich bin froh endlich zu wissen, weshalb ich
mich seit ich klein bin verletze und wieso ich mir nichts sehnlichster als den Tod
wünsche. Als ich meiner Psychologin darüber sprach sagte sie , dass sie es schon
lange vermutet hat, aber wollte das ich selbst darauf komme.
Im Februar 2002 konnte ich dann endlich in die Klinik. Die 8 Wochen waren sehr
hilfreich, auch wenn ich noch längst nicht alles aufgearbeitet habe. Dafür bedarf es
noch viel Zeit. Aber es wurde vieles klarer . Ich habe den Klinikaufenthalt
abgebrochen, denn eigentlich sollte ich 14 Wochen dort bleiben .Aber in de letzten 2
Woche dort, kam diese enorme Unruhe wieder extrem auf. Es war so schlimm, das
selbst die Antidepressiva und Beruhigungstabletten nicht mehr halfen . Ich bekam
auch körperliche Beschwerden und es war nicht mehr auszuhalten  .Ich wußte das
wieder neue Erinnerungen hochkommen wollten , doch ich hatte solche Angst und
war einfach nicht bereit dafür .So beschloß ich abzubrechen , denn ich wollte einfach
nach Hause .
Fast täglich hatte ich in dieser Zeit  diese Bilder vor Auge  . Ganz schnell sind sie da
und verschwinden wieder . Es kamen schon neue hinzu und irgendwann wird sich
alles zusammen setzen wie bei einem Puzzle......aber ich weiß nicht ob ich dieses
Puzzle überhaupt fertig sehen will. Ich habe einfach nur Angst!
Mit seiner Tat hat ER mein ganzes Leben beeinflußt.
Ich weiß , ich bin jetzt alt genug um es so zu leben wie ich es will, aber es kostet viel
Kraft. Bin ich stark genug?
Jedenfalls versuche ich es, auch wenn ich ganz oft kurz davor bin aufzugeben. Mein
Verhalten hat auch endlich einen Namen bekommen , ich bin Borderliner.             
Ein Grenzgänger.....typisch dafür ist unter anderem das selbstverletzende Verhalten
und diese enormen Stimmungsschwankungen. Das ich alles entweder super positiv
sehe oder absolut negativ, ein dazwischen gibt es nicht. Innerhalb weniger Minuten
kann ich jemanden total lieb haben und im nächsten Moment  schon zum Teufel
wünschen und dann wieder total lieb haben. Diese ganzen Selbstzweifel und und
und.....
Bis heute bin ich nicht in der Lage aufzuhören mich zu verletzen. Es ist in der Zeit
nach dem Klinikaufenthalt erst einmal weniger geworden. Doch es gibt auch immer
wieder Zeiten wo ich mich über Wochen fast täglich verletzte .Aber in der Klinik
habe ich gelernt zu meinem selbstverletzendem Verhalten zu stehen . Ich trug im
Sommer 2002  das erste mal seit Jahren wieder außerhalb meiner Wohnung T-shirts
.Früher trug ich selbst im Sommer lange Kleidung um meine Narben zu verberge.
Auch habe ich , noch bevor ich in die Klinik ging meinen Kolleginnen davon erzählt
.Das war für mich schon ein riesen Schritt und ich bin sehr froh das ich ihnen davon
erzählt habe.
In diesem Sommer werde ich wieder nur langärmelige Shirts tragen können, da mein
Körper doch in den letzten Monaten wieder sehr unter mir leiden mußte . Ich kann
zwar inzwischen ganz gut zu meinen Narben stehen, aber die Blicke anderer möchte
ich mir nicht zuziehen. Ich wurde schon im letzten Jahr sehr häufig beim Einkaufen
darauf angesprochen und jetzt habe ich kaum "gesunde" Haut an meinen
Unterarmen.
Ich habe beschlossen, einen neuen Therapieversuch zu starten.
Diesmal bei einer Tiefenpsycholgin , um meine Kindheitserlebnisse aufzuarbeiten.
In 4 Wochen habe ich den ersten Termin.



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